Wir verwenden Cookies, um Ihnen ein besseres Online-Erlebnis anbieten zu können. Durch die Nutzung unserer Webseite erklären Sie sich einverstanden, dass wir Cookies setzen. Zur Datenschutzerklärung Hinweis ausblenden

Saisonstart

Frühes Fest: Weihnachten beginnt im September

Lebkuchen, Spekulatius und andere Weihnachtsgebäcke – alljährlich entfacht sich im Spätsommer die altbekannte Debatte um die Regalinhalte der Supermärkte. Was bei vielen Konsumenten viele Fragen aufwirft, bedeutet für die Lieferanten entscheidende Vorteile. Ein Blick auf das frühe Weihnachtsgeschäft aus den Augen der Süßwarenindustrie und Logistikbranche.

Es ist Ende September. Die Abendsonne lädt noch einmal dazu ein, mit Freunden im Garten zu grillen. Auf dem Heimweg von der Arbeit erfolgt ein kurzer Halt am Supermarkt. An der Kasse fällt der Blick auf ein Regal, prall gefüllt mit Gebäck und anderen Naschereien der kalten Jahreszeit – die ersten weihnachtlichen Vorboten. „Anfang September ist der meteorologische Herbstbeginn. Zu diesem Zeitpunkt sind die sogenannten Herbstgebäcke, also Lebkuchen, Spekulatius und Co., alle Jahre wieder in den Supermarktregalen zu finden“, erläutert Dr. Torben Erbrath, Geschäftsführer des Bundesverband der Deutschen Süßwarenindustrie e.V. (BDSI).

Laut einer Studie des Meinungsforschungsinstituts YouGov stört sich jedoch rund ein Drittel der Deutschen an diesem Phänomen. Aber warum gibt es schon von September an Spekulatius in den Supermärkten zu kaufen und nicht erst pünktlich zur Adventszeit? Dahinter steckt mehr, als die Kunden auf die Schnelle überblicken können.

Es geht nicht nur darum, Klassiker wie Lebkuchen oder Christstollen rechtzeitig zu produzieren und zu verpacken. Auch spielen für die Hersteller und Händler die Umsatzzahlen eine entscheidende Rolle. Die Artikel kommen bereits im September in den Handel – folglich bleiben den Konsumenten bis zu vier Monaten Zeit, die Fülle an Süßigkeiten auszukosten. Schokolade, Marzipan oder Spekulatius; die Weihnachtsbäckerei hält für jeden etwas Passendes bereit und beschert der Süßwarenindustrie jedes Jahr ein hohes Umsatzplus: „Der Pro-Kopf-Verbrauch der Deutschen von diesen Leckereien liegt nach Angaben des Statistischen Bundesamtes seit mehreren Jahren relativ stabil bei etwa 900 Gramm pro Jahr. Im Jahr 2015 produzierten die deutschen Hersteller rund 81.000 Tonnen dieser Erzeugnisse, davon den Großteil für den inländischen Markt. Etwa 18 Prozent gingen in den Export“, sagt Erbrath.

Das Weihnachtsgeschäft ist Vorteil und Herausforderung zugleich

Bereits Ende August werden sehr viele Lebensmittel für das Weihnachtsgeschäft transportiert.

Auch für die Logistikbranche hat der scheinbar verfrühte Saisonstart einen positiven Nutzen. Die Nachfrage im internationalen Full-Truck-Load-Geschäft (FTL) ist vor allem an Weihnachten und Ostern besonders groß, weiß Ben Klaassen, Manager European Full Truck Load bei der Nagel-Group: „Deshalb werden, wo es möglich ist, bereits Ende August sehr viele Lebensmittel für das Weihnachtsgeschäft transportiert.“ Somit arbeiten Logistikunternehmen wie die Nagel-Group schon im Spätsommer einen Großteil der Logistikaufträge ab. Zur Saisonspitze kurz vor dem 24. Dezember entstehen so keine Engpässe im Einzelhandel. Die Auslieferungen für das Ostergeschäft beginnen laut Klaassen bereits im Februar: „In beiden Saisons sind die Fahrzeuge besonders oft mit Süßigkeiten beladen – allem voran natürlich mit Schokolade.“

Neben den Saisonprodukten müssen Produzenten und Logistiker aber auch den reibungslosen Warenfluss sämtlicher anderer Lebensmittel garantieren. „Im Einzelhandel werden zusätzliche Saisonspitzen, wie beispielsweise das Weihnachtsgeschäft, nicht anders behandelt, als die üblichen Saisonartikel wie frisches Obst oder Gemüse, die das ganze Jahr über nachgefragt werden“, sagt John Steventon, Primary Operations Manager Europe bei Tesco. Schokolade, Spekulatius und Co. bilden folglich ein zusätzliches Volumen für Lebensmittellogistiker. Das bedeutet eine enorme Zusatzbelastung, auch in Bezug auf Personalressourcen. „Die erhöhten Mengen machen sich im kompletten Prozess spürbar. Es geht los mit dem Kommissioniervolumen und hört bei der Zustellung beim Empfänger auf. Dazwischen müssen unsere Mitarbeiter in Umschlag, Konfektionierung und Disposition mit dem drastisch erhöhten Durchsatz schnell und präzise umgehen können“, sagt Sven Neumann, Leiter der Fahrereinsatzplanung in der Niederlassung Borgholzhausen der Nagel-Group.

Die Marktnachfrage bestimmt das Logistikvolumen

Für Fachleute ist klar, dass der frühe Beginn des Weihnachtsgeschäfts verkaufstaktisch äußerst geschickt ist. Psychologen glauben zum Beispiel, dass die Vorfreude beim Menschen einen Großteil der weihnachtlichen Stimmung ausmache. Die Schlussfolgerung daraus: Je länger die Vorfreude anhält, desto mehr ist der Menschen auch bereit, Geld auszugeben. Folglich stillen die Händler nur das Bedürfnis der Konsumenten nach vorweihnachtlichen Gefühlen.

Hier greift das bekannte Prinzip von Angebot und Nachfrage. Daran muss sich der Handel alle Jahre wieder anpassen. „Die Kunden bestimmen, was wir machen. Unsere Supply Chain reagiert dann dementsprechend, um sicherzustellen, dass wir als Händler immer ausreichende Kapazitäten vorweisen können“, erklärt Steventon. Parallel bedeutet das für die Logistikbranche, dass sie sich alljährlich an die Bedürfnisse des Handels anpassen muss und dementsprechend auch agiert. Das setzt eine flexible und präzise Dispositionsplanung und rechtzeigte Auslieferungen voraus – und die beginnt bereits im Spätsommer, um den logistischen Mehraufwand bewältigen zu können.

In der Logistikbranche folgt auf Weihnachten gleich Ostern

Einen interessanten Punkt sollten die Kritiker bei der Debatte nicht außer Acht lassen. Bis zum 30-jährigen Krieg wurde beispielsweise Lebkuchen das ganze Jahr über konsumiert. Erst als es im Laufe des Krieges immer schwieriger wurde, an Lebensmittelnachschübe zu kommen, fiel die Entscheidung, die Ganzjahresleckerei zu einem besonderen Weihnachtsgebäck zu erklären. Die Beliebtheit des Lebkuchens litt darunter nicht – laut Marktforschungsdaten des BDSI liegt das Gebäck in der Gunst der Verbraucher immer noch vorne. In Zahlen bedeutet das: Von insgesamt 92.640 Tonnen Gebäck, beträgt der Absatz von Lebkuchen im Saisongeschäft circa 38 Prozent.

Wenn die Erklärung immer noch nicht überzeugt, sollte dies ein Trost sein: Nach dem 24. Dezember verschwindet das Weihnachtsgebäck relativ schnell aus den Supermärkten. Ebenfalls ein Resultat des frühen Verkaufsstarts. Der Lebensmitteleinzelhandel verkauft Restposten dann zu reduzierten Preisen, um die Regale schnell wieder frei zu bekommen. Aber auch wohltätige Zwecke werden mit den übriggebliebenen Saisonartikeln nach den Festtagen bedient. Viele Schokoweihnachtsmänner fänden dabei kostenlos ihren Weg zu gemeinnützigen Organisationen, so der Bundesverband der Deutschen Süßwarenindustrie.

Und bald rollen dann die nächsten Lkw an – mit neuen Schokofiguren. Dann jedoch nicht in Form eines Weihnachtsmannes, sondern in der, des Osterhasen.

Nach der Saison ist vor der Saison.

Headerfoto: © HandmadePictures - Fotolia.com

Von den Redakteuren empfohlen