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Interview mit Prof. Peter Klaus

„Kein Einzelhändler kann sich der Herausforderung entziehen“

Wie wirken sich aktuelle Trends in der Lebensmittelbranche auf die Logistik aus? Fragen hierzu hat Professor Peter Klaus beantwortet. Das Mitglied der Logistik Hall of Fame ist anerkannter Logistik-Experte und war unter anderem 2015 einer der Redner auf der RILA-Konferenz in Orlando, der Supply-Chain-Konferenz führender amerikanischer Einzelhändler.

Prof. Peter Klaus

Professor Klaus, Sie haben viele Jahre die US-amerikanische Logistik und Supply-Chain-Management-Märkte beobachtet, sind die USA Vorreiter für den Handel in Europa?

Es gibt zumindest eine Zeitversetzung der Entwicklungen. Die Amerikaner gehen mit Innovativen eher schneller voran und sind risikofreudiger. In Europa vollziehen sich Entwicklungen zumeist etwas langsamer und verhaltener als in den USA, auch wenn sie insgesamt in ähnliche Richtungen weisen.

Wie äußern sich die derzeitigen Veränderungen des europäischen Handels in der Lebensmittelbranche?

Das starke Vordringen des internetbasierten Einkaufens führt zu hohen Erwartungen auch für die Lebensmittelwirtschaft. Das zeigt sich in unzähligen einschlägigen Start-up-Unternehmensgründungen und wachsenden Online-Angeboten. Die zweite große Veränderung ist die Entwicklung von Ladenformaten für mehr Convenience und neue Kombinationen mit Out-of-home-Essensangeboten. Ein dritter Trend ist, dass sich auch die Sortimente verändern – kleinere Packungsgrößen, mehr Fertiggerichte, noch mehr Vielfalt!

Der Handel wird also komplexer?

Ja. Der mehrgleisige Vertrieb über Multi- oder Omnichannel macht die Lieferketten wesentlich komplexer. Die Produkte werden nicht nur auf über die regionalen Logistikzentren des filialisierten Einzelhandels distribuiert. Die Palette der solchen Versand- und Distributionsmöglichkeiten für die Lebensmittelhersteller erweitert sich. Die Einzelhändler müssen sich der Herausforderung stellen, ihre Waren den Kunden über mehrere Kanäle anzubieten – stationär in großflächigen Einzelhandelsunternehmen, wie auch in neuartigen Convenience und E-Commerce Formaten. Die Konsumenten nutzen Internet-Bestellungen, Lieferservice und Selbstabholung im Laden parallel und häufig wechselnd.

Was bedeutet das für den Händler?

Die Schwierigkeit für den Händler und damit auch für seinen Dienstleister ist es, dafür zu sorgen, dass in jedem Kanal jedes Produkt jederzeit verfügbar ist. Das ist eine riesige Herausforderung. Es werden zudem Fragen aufgeworfen, wie: An welcher Stelle der Lieferkette soll man Güter bereithalten? Werden E-Commerce-Bestellung z.B. aus den Outlets, den Regionallagern oder aus speziellen zentralen Fulfillmentzentren heraus versorgt?

Welche Rolle spielt die Zahlungsbereitschaft der Konsumenten in dieser Marktentwicklung?

Die durchschnittlichen Kassenbonwerte im Lebensmittelhandel liegen zwischen zehn und 20 Euro. Die Mindestkosten einer Hauslieferung liegen bei fünf bis zehn Euro. Das heißt: Selbst, wenn Ersparnisse durch die Umgehung der stationären Outlets über den Internetkanal vorhanden sind, werden diese schnell überkompensiert durch zusätzliche Logistikkosten. Die Heimbelieferung muss kosteneffizienter werden oder es müssen kreative neue Ansätze gefunden werden. Ob und wie das gelingt, das wird die Zukunft des Lebensmittelhandels wesentlich beeinflussen.

Wie können sich Logistikunternehmen dem Wandel anpassen?

Unternehmen müssen sich darauf einstellen, dass sie noch viel flexibler werden. Sie sollten sich auch von der Vorstellung lösen, dass ihnen irgendein Weiser sagt, wie die Zukunft aussieht. Es geht um Multi-Temperatur-, um Mulitkanal- und Innovationsfähigkeit. Da gibt es intelligente Möglichkeiten. Die Zukunft bleibt offen.

Welche neuen Anforderungen werden an die Logistik gestellt?

Home-Delivery-Aktivitäten für Lebensmittel eröffnen ein neues Geschäftsfeld, am offensichtlichsten zunächst für die Paketdienste und B2C-Anbieter. Je nachdem, wie optimistisch man bezüglich der Zuwächse in den neuen Kanälen ist, werden sich zusätzliche spezialisierte Logistiksysteme entwickeln.

Wird es auch Veränderungen auf Seiten der Händler geben?

Früher hat man über die Verschiebung der Macht von den Herstellern zu den Händlern diskutiert. Jetzt wird darüber gesprochen, ob es eine Verschiebung von den Händlern zu den Konsumenten gibt. In dem Sinne, dass die Konsumenten eine viel größere Auswahl von Einkaufsmöglichkeiten haben, durch Internet, E-Commerce und Out-of-home-Verpflegung.

Haben die Hersteller hier nicht auch die Chance, ihre Produkte direkt an den Endverbraucher online abzusetzen?

Das ist ja kein Widerspruch. Es ist völlig klar, dass die Hersteller und auch die Filialisten sich nicht widerstandlos Marktanteile wegnehmen lassen. Die Hersteller fangen an, ihrerseits direkte Online-Vermarktung zu betreiben und in Konkurrenz zu ihren Handelskunden zu treten. Welche neue Gewichtung sich am Ende entlang der Lieferkette ergibt, bleibt abzuwarten.

Zur Person

Peter Klaus, geb. 9.3.1944 in Frankfurt/Oder
Universitätsprofessor em. an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
Doctor of Business Administration/Boston University.
Master of Science (Transport.) Massachusetts Institute of Technology/Cambridge MA
Diplom-Kaufmann

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