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Lebensmittel 2.0

Handel im Wandel

Einkaufen im Internet ist für viele Konsumenten längst Alltag. Doch nicht nur das Netz verändert den Handel und die Anforderungen an die Logistik. Vielseitige Einflüsse der modernen Gesellschaft treiben den dynamischen Wandel voran.

Mit ein paar Mausklicks aussuchen, bestellen, bezahlen und sich die Ware bequem nach Hause liefern lassen - Der Einkauf über das Internet hat zu einem Verhaltenswechsel des Verbrauchers geführt. Während vor zwölf Jahren nur 15 Prozent der privaten Konsumenten über das Internet bestellt haben, sind es nun mehr als 40 Prozent. „E-Commerce ist ein klarer Wachstumstreiber des Handels. Der Vertriebskanal wächst weiterhin und wird über kurz oder lang alle Akteure und alle Sortimente im Handel betreffen“, prognostiziert Kai Hudetz, Geschäftsführer des Instituts für Handelsforschung (IFH) in Köln.

Von 2012 auf 2015 stieg der Umsatz im Online-Handel in Europa nach Berechnungen des Center for Retail Research in Nottingham von rund 110 Milliarden Euro auf 185 Milliarden Euro. Einer Befragung der SCHUFA Holding AG zufolge gehen auch 62 Prozent der deutschen Einzelhändler von einem fortschreitenden Bedeutungsverlust des stationären Handels aus.

E-Commerce ist ein klarer Wachstumstreiber des Handels. Foto: © 3Dmask- Fotolia.com

Vorreiterrolle Vereinigtes Königreich

Die Briten sind Spitzenreiter im Onlineshopping: Fast drei Viertel haben im vergangenen Jahr das Online-Angebot in Anspruch genommen. In Dänemark waren es 66, in Frankreich 43, in Rumänien nur sechs Prozent. Händler erwarten, wie die SCHUFA-Umfrage herausfand, dass sich zukünftig 79 Prozent der Konsumenten, bevor sie eine Kaufentscheidung treffen, nicht mehr bei einem Verkäufer, sondern mit ihrem Smartphone über das Produkt informieren. Im internationalen Vergleich sind die Zahlen jedoch noch unterschiedlich: Beispielsweise recherchieren nach einer Studie, die Deloitte für Ebay durchgeführt hat, 56 Prozent der Spanier vor einem Kauf im Internet, 31 Prozent nutzen dafür ihr Smartphone. In Italien recherchieren dagegen nur 18 Prozent damit.

In der Lebensmittelbranche ist die Entwicklung des Online-Marktes bisher weniger stark ausgeprägt. Eine Umfrage der Creditreform ergab, dass lediglich 5,4 Prozent der deutschen Verbraucher zwischen 18 und 69 Jahren Lebensmittel per Versand einkaufen. Vorreiter im Online-Handel mit Lebensmitteln ist die britische Supermarktkette Tesco. Das Unternehmen vertreibt Waren bereits seit der Jahrtausendwende im Internet. Mit immer neuen Ideen passt sich Tesco der stetigen Marktentwicklung an. So gibt es im südkoreanischen Seoul den Tesco „Home Plus Virtual Store“. Über eine digitale Leinwand beispielsweise in U-Bahn-Stationen können Kunden mithilfe einer App Waren bestellen.

Neue Vertriebswege werden getestet

In Europa wird diese Art des digitalen Einkaufens bisher nur vereinzelt in Pilotprojekten getestet. Zum Beispiel hat das Düsseldorfer Start-up-Unternehmen „Emmas Enkel“ ein eigenes Geschäftsmodell entwickelt. Im Supermarkt können Kunden auf hauseigenen iPads digital einkaufen und müssen ihre Ware später nur noch an der Kasse abholen. Oder sie bestellen bequem von zuhause über das Internet und ordern die Lieferung direkt vor die eigene Haustür.

In Frankreich können an eigens eingerichteten Drive-Stationen – entweder an Hauptverkehrsstraßen oder angegliedert an einen Hypermarkt – Konsumenten ihre Online-Bestellungen abholen. 2.000 Stationen dieser für den Konsumenten schnellen und effizienten Einkaufsmöglichkeiten sind in Betrieb. 2,5 Milliarden Euro Umsatz wurden in Frankreich im vergangen Jahr damit erwirtschaftet. Gewinn auf der einen Seite bedeutet aber auch Verlust auf der anderen. Nimmt diese Art von Handel zu, könnte das eine Gefahr für Supermärkte, Hypermärkte und Discounter darstellen.

Eigenmarken vs. Handelsmarken

Ob Lieferservice und Abholkonzepte sich in Zukunft ergänzen oder miteinander konkurrieren werden, sei offen, sagt Stefan Eckert, Client Business Partner der Nielsen Company GmbH. Eckert stellt außerdem eine Veränderung der Sortimente fest. Eigenmarken von Supermärkten werden zunehmend zur Konkurrenz etablierter Herstellermarken.

Bei Tesco werden beispielsweise 50 Prozent des Umsatzes durch Eigenmarken generiert. Auch in Deutschland ist zwischen 2009 und 2013 ist der Anteil der Markenkäufer um knapp zehn Prozent gesunken. Zugleich steigt die Zahl an Käufern von Handelsmarken, wie eine Studie der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) zeigt. Dieser Trend ist aber nicht übergreifend. In bestimmen Branchen wie dem Süßwarensegment präferieren Kunden weiterhin Markenprodukte.

Lebensstile verändern sich nachhaltig

Auch andere gesellschaftliche Entwicklungen zwingen zum Umdenken. Der Lebensmittelhandel und die Verpackungsindustrie reagieren zunehmend auf den demografischen Wandel und den damit verbundenen Anstieg der Ein-Personen-Haushalte. Dieser Wandel beeinflusst das Nachfrageverhalten der Konsumenten und führt zu einer Verkleinerung der Verpackungsgrößen. Bei kleineren Verpackungen steigen die Produktionskosten, was sich im Verkaufspreis widerspiegelt. Dennoch wächst das Bedürfnis nach den neuen Produktgrößen, weil sich der Lebensstil nachhaltig gewandelt hat.

Das Produktangebot der Lebensmittelindustrie verändert sich auch durch Convenience-Faktoren. Dazu gehören unter anderem praktischere Verpackungs- und Verschließtechniken oder bessere Kennzeichnungen, um den Bedürfnissen der wachsenden Generation 50+ gerecht zu werden.

Der Trend geht in Richtung Out-of-home-Verzehr. Foto: © Monkey Business - Fotolia

Neue logistische Herausforderungen

Der renommierte Logistikexperte Professor Peter Klaus sieht noch eine weitere Entwicklung. Der Trend gehe in Richtung Out-of-home-Verzehr. Dieser führe dazu, dass immer größere Anteile des Lebensmittelbedarfs an Großküchen oder Systemgastronomie geliefert werden. „Die Großverbraucher werden jedoch nicht 150-Gramm-Packungen haben wollen, sondern größere Packungseinheiten fordern“, sagt Professor Klaus. „Dies ist ein Aspekt der Sortimentserweiterung und –gestaltung. Er führt zu einer Polarisierung: auf der einen Seite führen Internetkauf und die demographischen Entwicklungen dazu, dass kleinere Packungs- und Bestellgrößen zunehmen. Auf der anderen Seite wächst der Bedarf nach größeren Gebinden der Akteure im Out-of-Home Geschäft. Das wird eine Entwicklung sein, die die Sortimente und Bestellverhalten in den logistischen Ketten deutlich verändert.“

Die Logistik sieht in der zeitgemäßen Veränderung der Geschäftsmodelle keine Einbußen, denn die Ware muss nach wie vor vom Hersteller zum Abnehmer bewegt werden. Dank internationaler Netzwerke können immer größere Ladungen schneller ans Ziel gebracht werden. „Die Logistik ist in Sachen Online-Shopping hinsichtlich innovativer Lösungen mindestens genauso gefragt wie der Handel selbst“, sagt Eckert. „Der Handel könnte gegenüber Online-Bestellern nur noch als Broker auftreten. Das wiederum hätte Einfluss auf die Lagerhaltung und das Volumen. Der Co-Packing-Bereich könnte andere Dimensionen und Strukturen annehmen. Und mit einer Belieferung bis in die einzelnen Haushalte entsteht darüber hinaus eine ganz eigene Schiene mit individuellen Zeitfenstern.“

Maßgeschneiderte Verkaufslösungen werden also in Zukunft den Handel bestimmen, ob im stationären Handel oder im Online-Handel, im Vertrieb oder beim Konsumenten.

Header: © adisa - Fotolia.com

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