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Grüne Oasen in Städten – ein Konzept mit Zukunft?

Urbane Landwirtschaft

In satten Rottönen leuchten die Tomaten an den Stauden, es duftet nach frischen Erdbeeren. Der Blick schweift in die Umgebung. Hochhäuser, reges Treiben auf den Straßen. Die urbane Landwirtschaft beeinflusst zunehmend Metropolen dieser Welt – und birgt neue Herausforderungen für die Logistik.

Silke Wissel

Die Weltbevölkerung wird wachsen. Dies prognostiziert eine Studie der Vereinten Nationen. Im Jahr 2100 wird die Zahl der Menschen bei 11,21 Milliarden liegen. Aktuell besiedeln 7,5 Milliarden Menschen die Erde. Eine der großen Herausforderungen stellt die hohe Verstädterung der Weltbevölkerung dar.

Laut einer Studie der World Bank lag der Urbanisierungsgrad innerhalb der Europäischen Union 2015 bei 74,8 Prozent. Tendenz steigend. Um immer mehr Menschen zu ernähren werden mehr landwirtschaftliche Nutzfläche benötigt. Diese zu schaffen, würde jedoch zu massiven Umweltschäden führen.

Grüne Oasen in Städten könnten Abhilfe schaffen. Seit einigen Jahren verwandeln sich Balkone, Dächer oder innerstädtische Brachflächen vermehrt in eine grüne, lebensfreundliche Umgebung. „Urbane Landwirtschaft ist keine neue Idee – kleine Gärten in der Stadt gab es schon immer. Krisen- und Notsituationen führten oft zu einer verstärkten Nutzung. In den vergangenen 20 Jahren ist das Thema bei uns wieder populär geworden, es entstand eine regelrechte Bewegung“, sagt Silke Wissel, Teamleiterin Stadtnatur bei der Deutschen Umwelthilfe.

Gründe für die Entwicklung hat Prof. Dr. Gabriela Christmann, Leiterin der Forschungsabteilung ‚Kommunikations- und Wissensdynamiken im Raum‘ und stellvertretende Direktorin am Leibniz-Institut für Raumbezogene Sozialforschung, untersucht: „Die Gärten dienen der Stadtentwicklung, aber auch der Freizeitgestaltung und der Unabhängigkeit bei Krisen – gerade vor dem Hintergrund der Welternährungskrise. Die Menschen fragen sich außerdem: Wo kommt das Essen her?“

Urbane Landwirtschaft als fester Bestandteil der Stadtentwicklung

Es lässt sich grundsätzlich zwischen verschiedenen Arten der urbanen Landwirtschaft unterscheiden: Beim Urban Gardening steht das soziale und ökologische Bewusstsein der Gärtner, die sich meist kollektiv organisieren, im Vordergrund – eine Art Schrebergärten 2.0. Die Projekte ähneln vom Prinzip her dem klassischen Kleingarten, haben zudem aber oft einen gesellschaftspolitischen Ansatz. „Der Gemeinschaftsgedanke ist meist wichtiger als Lebensmittelproduktion“, erklärt Silke Wissel. Ein Beispiel für urbanes Gärtnern ist das Projekt KÄIF in der Dortmunder Nordstadt. Einerseits fördert es den kulturellen Austausch und Zusammenhalt, andererseits hilft es, das Stadtbild zu verschönern.

Prof. Dr. Gabriela Christmann

Anders sieht es beim Urban Farming aus. Dr. Philipp Stierand definiert das Konzept in seinem Buch „Speiseräume“ als Lebensmittelerzeugung in der Stadt. Einzelpersonen oder Gruppen in Ballungsräumen nutzen urbane Räume zum Anbau von Lebensmitteln. Die Nutzung der Flächen ist eng mit dem Sozialleben sowie den ökologischen und wirtschaftlichen Kreisläufen der Stadt verbunden. In der Regel erfolgt der Anbau von Lebensmitteln zwar für den Eigenbedarf, doch auch ganze Staaten haben in der Vergangenheit bereits auf das Konzept des Urban Farming zurückgegriffen.

Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion verordnete die Regierung in Kuba nach Angaben des aid Infodienstes die städtische Landwirtschaft, um die störanfällige Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln zu verbessern. Zwei Drittel des heute in Havanna konsumierten Gemüses stammen aus der Produktion in der Stadt.

Prof. Dr. Gabriela Christmann: „Angloamerikanische Einflüsse haben die städtische Landwirtschaft am stärksten geprägt. Jedoch aus anderen Beweggründen: Dort spielt die bewusste Ernährung eine große Rolle. In Deutschland ist es politisch geprägt, um nachhaltige und resiliente Städte zu schaffen.“

Lebensmittelerzeugung mit Vertical Farming

International hat eine Sonderform des Urban Farming große Bedeutung: das Vertical Farming. Laut dem US-amerikanischen Wissenschaftler Dr. Dickson Despommier bezeichnet es ein landwirtschaftliches Konzept, bei dem die Produktion in und an Hochhäusern vertikal stattfindet, um urbanen Raum nachhaltig landwirtschaftlich zu nutzten. Der Anbau von Lebensmitteln findet professionell auf mehreren übereinander gelagerten Ebenen statt. Durch diese Verlagerung der Produktion vom Boden in die Höhe lassen sich mehr Lebensmittel anbauen als auf der vergleichbaren Grundfläche auf dem Boden. Ein weiterer Vorteil ist, dass Nutzpflanzen beim Vertical Farming teilweise über das ganze Jahr hinweg angebaut werden können, wenn für sie künstlich optimale Bedingungen geschaffen werden.

Design des World Food Building © Plantagon Image: Sweco

Im schwedischen Linköping errichtet das Unternehmen Plantagon in Zusammenarbeit mit dem Innovator Åke Olsson ein 55 Meter hohes Gewächssystem mit 4.000 Quadratmetern Anbaufläche. Der Bau dieses ersten World Food Buildings soll im kommenden Jahr komplett abgeschlossen sein. Das Unternehmen bündelt in seinen Baumaßnahmen das bestehende Wissen über die Agrarkultur und die neuen Lösungsansätze in den Feldern Technologie und Architektur unter dem Begriff „Agrartechtur“. Die Lösungen von Plantagon minimieren den Bedarf an Land, Wasser, Energie und Pestiziden für die städtische Lebensmittelproduktion. In seinem World Food Building wird das Unternehmen Nutzpflanzen beispielsweise nur auf einem aus dem Vulkangestein Bims bestehenden Boden anbauen. Dieser besitzt eine extrem lange Lebensdauer und bietet aufgrund seiner Beschaffenheit ideale Anbaubedingungen.

Herausforderungen für die Logistikbranche

Obst und Gemüse, das auf Dächern hoch über den Städten wächst, sowie Gemüse, das an den Häuserwänden gedeiht, sind womöglich in Zukunft keine Seltenheit mehr. Das Konzept könnte als Lösungsansätze für eine ressourcenschonende Lebensmittelherstellung und Distribution dienen und dadurch sowohl dem Menschen als auch der Umwelt helfen. In Brooklyn, New York, liefern die Mitarbeiter der Eagle Rooftop Farm, einer 6.000 Quadratmeter großen grünen Bio-Gemüse-Farm, die frischen Produkte beispielsweise schon jetzt direkt mit dem Fahrrad an die Kunden.

Laut Silke Wissel ist es dabei jedoch unwahrscheinlich, dass das Konzept Urban Gardening zu einer ernsten Konkurrenz für die Logistik wird: „Gemüseanbau für den eigenen Gebrauch gab es schon immer. Die Gemeinschaftsgärten sind nur ein weiterer Bestandteil dieses Ansatzes. Dass sich Menschen komplett selbst versorgen, ist selten. Allerdings können sich die Ansprüche der Gärtner an die Lebensmittel aus dem Supermarkt durch das selbst angebaute, frische Obst und Gemüse erhöhen.“

„Das Urban Farming hingegen wird – im Gegensatz zum Urban Gardening – Auswirkungen auf die Logistik haben, da es größer angelegt ist und mittlerweile auch gefördert wird“, sagt Prof. Dr. Christmann. „Wenn sich die Logistik nicht bewegt, kann das negative Folgen haben. Zeitgleich ist das Konzept aber auch eine Chance, denn die Logistik kann die Entwicklung mit neuen Ideen positiv mitgestalten.“

Ein Beispiel für das Zusammenspiel aus Logistik und Urban Farming ist das BMBF-Forschungsprojekt „Stadtquartier 4.0“. Es erkundet Auswege und Lösungsmöglichkeiten mit dem Ziel, eine nachhaltige Entlastung von Städten und Stadtquartieren zu erreichen. Die Forscher beobachten ein Experiment im Holzmarkt-Areal in Berlin, in dem eine lokale Produktion, der Einsatz von Lastenfahrrädern, die Nutzung von Tagesrandzeiten oder Sharing-Systeme für Lieferfahrzeuge ausprobiert werden. „Das Quartier wird komplett vom Normalverkehr freigehalten“, erklärt Prof. Dr. Christmann. Wie das funktioniert? Ein Verteilsystem mit Boxen wird vor Ort als neue Logistik eingesetzt. Lieferungen werden in diesen abgeliefert und mit E- und Lastenfahrzeugen an die Haushalte verteilt.

Ganz auf die Logistik verzichten können, wird man somit auch in Zukunft nicht: „Urban Farming bedeutet eine Veränderung für die Logistik. Diese muss sich umstellen und nachhaltige Maßnahmen entwickeln. Da der Anbau in der Stadt jedoch auch weiterhin – abgesehen vom Vertical Farming – abhängig von den Jahreszeiten ist und somit an gewisse Grenzen stößt, ergeben sich auch neue Chancen für die Logistikbranche“, sagt Prof. Dr. Gabriela Christmann.

Header: © alisonhancock - Fotolia.com

Gärten der Integration

Dass urbane Gärten oft mehr als der Produktion von Lebensmitteln dienen, zeigen die „Gärten der Integration“. Sie leisten einen wichtigen Beitrag zur Integration von geflüchteten Menschen. Die Deutsche Umwelthilfe sucht Projekte und Initiativen, die mit ihrem Konzept die Flüchtlingsarbeit unterstützen. Mehr Informationen zum Projekt finden Sie auf der Seite der Deutschen Umwelthilfe: www.duh.de

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