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Ernährung von morgen: Maritime Landwirtschaft

„Ackerbau“ zwischen Fischen und Algen

Obst, Gemüse und Kräuter dauerhaft und nachhaltig unter Wasser anbauen – diesen Plan verfolgen die Initiatoren von „Nemo’s Garden“. Durch das neuartige Anbausystem gedeihen dort bereits jetzt Pflanzen in großen Ballons, die in bis zu zehn Metern Tiefe am Meeresgrund befestigt sind. Hinter dem Verfahren stecken ein ausgeklügeltes Versorgungssystem sowie eine revolutionäre Vision.

Die industrielle Landwirtschaft besteht heutzutage oft aus großangelegten Monokulturen. Stetige technologische und chemische Verbesserungen ermöglichen eine schnellere Pflanzenzucht. Eine Studie des International Resource Panels der Vereinten Nationen belegte im Jahr 2010, dass Landwirtschaft einer der bedeutendsten Gründe für das ökologische Ungleichgewicht ist. Stellen Sie sich daher nun einmal eine flächendeckende Landwirtschaft ohne Pestizide und Düngungsmittel vor. Eine Landwirtschaft, die ohne große Mengen an Frischwasser auskommt. Genau diese Vision verfolgt Sergio Gamberini, Präsident der Ocean Reef Group, zu der auch das Projekt „Nemo’s Garden“ zählt.

„Unser Ziel ist es, eine maritime Landwirtschaft zu schaffen, in der Obst und Gemüse wie in einem normalen Treibhaus wachsen – jedoch ökologisch absolut nachhaltig. Wir wollen die landwirtschaftliche Entwicklung in den Gebieten unterstützen, in denen diese durch geographische und ökologische Faktoren eingeschränkt ist“, sagt Gamberini. Die Ocean Reef Group nutzt in diesem Zusammenhang ihr Wissen und ihre Technologie im Bereich des Tauchens, um eine klimaunabhängige Landwirtschaft unter Wasser zu kreieren. Diese soll in Zukunft dabei helfen, Wasserknappheit, Dürren, Wüstenbildung, steigender Weltbevölkerung und wachsendem Hunger entgegenzuwirken.

Auch Hanni Rützler, österreichische Ernährungswissenschaftlerin und Food Trend-Forscherin, sieht das Projekt „Nemo’s Garden“ in diesem Zusammenhang als guten Ansatz: „In den kommenden Jahrzehnten wird nicht nur eine Technologie die Erde dominieren. Wir brauchen eine Vielzahl an Möglichkeiten, um die gesamte Bevölkerung ernähren zu können. Die maritime Landwirtschaft zeigt beispielhaft das Potential auf, dass unsere Erde hat.“

Basilikum als Anfang

Die Geschichte von „Nemo’s Garden“ startete im Sommer 2012. Sergio Gamberini verankerte vor der Küste der kleinen italienischen Stadt Noli einen ersten Ballon im Wasser. In diesem wuchs daraufhin das Gewürz Basilikum äußerst erfolgreich heran. Ein Jahr später positionierte er zwei weitere, deutlich größere Ballons unter Wasser – so genannte Biosphären. Diese Biosphären ähneln in ihrem Konzept klassischen Gewächshäusern, haben jedoch nur ein Volumen von 800 Litern. Sie bestehen aus einem Metallgerüst und einem Polymerfilm, der dieses – wie ein Ballon – umspannt. „Biosphären sind einerseits äußerst widerstandsfähig gegenüber dem Meerwasser und andererseits sehr transparent für das einstrahlende Sonnenlicht. In ihnen können Obst und Gemüse unter Wasser hervorragend gedeihen“, sagt Sergio Gamberini.

Dank ihrer Lage in der Tiefe des Meeres benötigen die in den Biosphären angebauten Produkte zudem keinerlei Pestizide. Schädlinge gibt es dort nämlich nicht. Eine Störung des Unterwasserökosystems wird damit vermieden. Lediglich ein Düngungsmittel natürlichen Ursprungs wird den Anbaupflanzen beigemischt. „Zukünftig wollen wir dieses aber auch durch ein Produkt aus Algen ersetzen, um einen komplett nachhaltigen Lebenszyklus in ‚Nemo’s Garden’ zu schaffen“, sagt Sergio Gamberini.

Das für das Pflanzenwachstum benötigte Wasser generiert die Biosphäre. Fotos: Nemos Garden

Kondensation sorgt für Bewässerung

Auch das für das Pflanzenwachstum benötigte Wasser generiert die Biosphäre bereits nach kurzer Zeit selbst, da die Luft im Inneren des Ballons wärmer ist als die Temperatur des äußeren Meerwassers. Das Wasser verdampft und kondensiert an der Innenwand des Ballons. Dieses Kondenswasser erfüllt wiederum alle Maßstäbe für die Bewässerung der Pflanzen und hätte sogar das Potential zum Trinkwasser. „Unser Anbau von Obst und Gemüse ist somit – bis auf die Temperatur des Meerwassers – nicht von den weltweiten Auswirkungen des Klimawandels abhängig“, freut sich Sergio Gamberini.

Voraussetzungen für den Anbau sind also die – auch in der Meerestiefe – sehr hohe Lichttransmission der Biosphäre, die unterschiedlichen Temperaturen innerhalb und außerhalb der Biosphäre und die daraus folgende Kondensation des Meerwassers. Entscheidend für den Erfolg der Ernte und damit des Projekts sind allerdings die „Agronauts“. Die Wortkreation aus Agrar und Astronaut bezeichnet die Taucher, die regelmäßig zu den einzelnen Biosphären tauchen und diese in Stand halten, das Gemüse und Obst ernten oder wissenschaftliche Untersuchungen durchführen.

Wachstum führt zu Aufmerksamkeit

Forschung und Entwicklung haben sich bislang ausgezahlt. In den Jahren 2014 und 2015 stiegen die Begeisterung und der Arbeitsaufwand für „Nemo’s Garden“. „2014 installierten wir eine Biosphäre mit einem Volumen von 2.000 Litern. In dieser haben wir Salat anbauen können“, erinnert sich Sergio Gamberini. 2015 gewann das Projekt auch medial immer mehr an Aufmerksamkeit und begeisterte einige interessierte Touristen für einen Tauchgang. „Wir versuchten in diesem Jahr ganz verschiedene Gewürze, Obst- und Gemüsesorten in ‚Nemo’s Garden’ anzubauen. Für einige waren die Konditionen unter Wasser nicht wirklich geeignet, die Mehrheit wuchs jedoch sehr erfolgreich.“

Und auch 2016 vergrößerte sich „Nemo´s Garden“ stetig. Über die gesamte Wachstumsphase einer Pflanze erhobene Daten wurden ausgewertet, zusätzliche Biosphären installiert und weitere Obst- und Gemüsesorten für den Anbau getestet. Die Qualität und Quantität der Pflanzen erreichte zu dieser Zeit ihren bisherigen Höhepunkt.

Breite Anbaupalette

Aktuell wird in „Nemo’s Garden“ eine ganze Reihe von Produkten erfolgreich angebaut. Gewürze wie Basilikum, Thymian, Oregano und Koriander finden in der Unterwasserlandwirtschaft genauso ihren Platz wie Salat, Erbsen, Zucchini, Tomaten und Zwiebeln oder auch verschiedene Blumen, Aloe Vera, Stevia, Honigmelonensalbei und weitere Naturheilmittel.

Die Ernte dieser Produkte ist für das Team von „Nemo’s Garden“ jedoch relativ aufwendig. „Wir testen hier eine Anbauvariante, die es so bisher noch nicht gegeben hat. Diese bringt ganz neue Herausforderungen mit sich – vor allem natürlich die Meeresbedingungen“, sagt Sergio Gamberini. „Die Arbeit unter Wasser benötigt viel körperliche Energie, Zeit und technische Hilfsmittel. Dazu kommen noch die natürlichen Gegebenheiten wie die wechselnden Gezeiten, starke Strömungen oder die Brandung.“

Aus Vision wird Wissenschaft

Nichtsdestotrotz wollen Sergio Gamberini und sein Team auch zukünftig akribisch weiterarbeiten und beispielsweise erforschen, inwieweit sich der entstehende Druck unter Wasser positiv auf das Wachstum der Pflanzen auswirkt. „Die größte Herausforderung ist aber, unser Anbauverfahren im menschlichen Bewusstsein für nachhaltigen Anbau zu verankern. Wir wollen unsere Beobachtungen mit Hilfe verschiedener Wissenschaften noch genauer erklären und belegen“, sagt Sergio Gamberini. Sollte dies gelingen, wird die Vision von „Nemo’s Garden“ zukünftig noch realer.

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