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Märchen und Lebensmittel

Knusper, Knusper, Knäuschen …

Warum ließen sich Hänsel und Gretel von der bösen Hexe verführen und welche Rolle spielen Lebensmittel in Märchen generell? Märchenexperte Dr. Martin Beyer hat die Antwort.

Schneewittchen und der vergiftete Apfel. Foto: © Fotolia - nicoletaionescu

„Hänsel, dem das Dach sehr gut schmeckte, riss sich ein großes Stück davon herunter, und Gretel stieß eine ganze runde Fensterscheibe heraus, setzte sich nieder und tat sich wohl damit.“ So steht es im Märchen Hänsel und Gretel der Gebrüder Grimm. Erstmalig erschien das Märchen in der Sammlung Kinder- und Hausmärchen im Jahr 1812. Lebensmittel sind nicht nur zentrale Bausteine im Tagesgeschäft der Nagel-Group. In Märchen finden sich immer wieder Bezüge zum leiblichen Wohl. Schneewittchen und der verhängnisvolle Apfel, Rotkäppchen und ihr Brotkorb oder die Prinzessin auf der Erbse – in vielen Geschichten sind Lebensmittel ein zentrales Thema. „Lebensmittel sind mehr als nur schmückendes erzählerisches Beiwerk – sie sind bedeutungstragend.“, sagt Märchenexperte Dr. Martin Beyer.

Im 18. und 19. Jahrhundert wurden viele Märchen erstmals gesammelt niedergeschrieben. Zu den bekanntesten Schreiberlingen zählen bis heute die Gebrüder Grimm. „Die Märchenerzählungen der Gebrüder Grimm richtete sich vor allem an den damaligen Durchschnittsbürger – dieser litt zu Beginn des 19. Jahrhunderts nicht selten an Hungersnot, Armut und dem generellen Elend der ländlichen Bevölkerung“, erläutert Beyer. In einer vorindustriellen Welt war die Infrastruktur schlecht und ausreichend gute Nahrung ein Luxus. „Wenn in Märchen Überfluss herrscht – oder auf anderer Seite das Brot knapp wird, ist dies auch ein Spiegel der Gegebenheiten zu der Zeit, in der die Gebrüder Grimm ihre Märchen sammelten.“

Von der Illusion des Überflusses

Was die beiden Märchenerzähler geschafft haben, bleibt unerreicht: Sie haben die besten Geschichten gesammelt und für das Volk in Büchern niedergeschrieben. Bis heute sind die Märchen der Gebrüder Grimm ein Teil jeder Kindheit in Mitteleuropa. Eines der bekanntesten Märchen ist Hänsel und Gretel: Zwei Kinder, die von ihren Eltern im Wald ausgesetzt werden und sich verlaufen. Ein Hexenhaus aus Lebkuchen ist ihre Zuflucht. Angelockt von den vielen Süßigkeiten, lassen es sich die beiden gut gehen. Auch die Hexe möchte die Kinder zum Essen einladen. Einziges Problem: Hänsel soll das Hauptgericht sein. Bevor jedoch Hänsel im Ofen landet, stößt Gretel die Hexe selbst hinein und die beiden fliehen zurück in die Heimat.

„Die Hexe lockt die Kinder und bekommt Macht über sie, genau mit dem Versprechen, den Mangel an Lebensmitteln zu überwinden – das ist die Wunde Stelle der Kinder. Die Hexe zu überwinden und die Illusion des Überflusses zu besiegen, lässt die Kinder ihren Konflikt lösen und zu ihren Eltern zurückkehren. Die Aktualität des Märchens ist ungebrochen. Aber diese Texte sind eben weder alt noch modern – sie sind menschlich“, sagt Beyer.

Vom süßen Brei

Ein weiteres Märchen der Gebrüder Grimm stellt das Essen in den Mittelpunkt. Dabei ist das Motiv wieder klar: der Kampf gegen Hunger und Armut. Der süße Brei, oder in der Erstausgabe der Kinder- und Hausmärchen Vom süßen Brei, erzählt die Geschichte von einem Kind, das alleine bei der armen Mutter lebt. Eines Tages beim Betteln schenkt eine Frau ihr einen Zaubertopf, der bei „Töpfchen, koch“ sofort süßen Hirsebrei kocht, erst bei den Worten „Töpfchen, steh“ hört er auf. Als das Kind einmal nicht da ist, lässt die Mutter den Topf kochen, vergisst dabei das Kommando „Töpfchen, steh“, als das Kind zurückkommt, ist bereits die ganze Stadt unter Brei begraben, ehe das Kind die magischen Worte spricht.

Hans und die Bohnenranke. Foto: © Fotolia - Orlando Florin Rosu

„Wir lernen Fundamentales über Werte und soziales Miteinander“

Märchenerzählungen wecken in uns ungeahnte Potentiale und erklären die Welt, in der wir leben. Vor diesem Hintergrund lassen sich auch Lebensmittel in vielen Märchen erklären. „In diesen Erzäh-lungen lernen wir Fundamentales über Werte und soziales Miteinander. Lebensmittel sind, vor allem bei Knappheit, wie im 19. Jahrhundert, ein zentrales Thema, das die Menschen beschäftigt. Das Märchen transportiert wichtige Botschaften. Wenn wir aufhörten, Geschichten zu erzählen, dann wäre unsere Welt eine andere“, meint Martin Beyer.

Und die Botschaft im 19. Jahrhundert war klar: Wir können das Durchstehen, die Armut und den Hunger bekämpfen und zu Helden unserer Geschichte werden. Märchen haben damals vor allem darauf abgezielt, den Menschen neue Hoffnung und neuen Mut zu geben. Heldenbilder, die der Armut entfliehen und Nahrung im Überfluss erlangen, waren die besten Überbringer dieser Botschaft. Einer von Ihnen: Hans.

Armut macht heldenhaft

Hans und die Bohnenranke erzählt die Geschichte eines armen Jungen, der bei seiner verwitweten Mutter lebt. Die Milch der Kuh ist ihr einziger Ertrag. Eines Tages gibt die Kuh keine Milch mehr und die beiden beschließen, dass Hans die Kuh auf dem Markt verkaufen soll. Auf dem Weg dorthin trifft er auf einen Mann, der ihm für die Kuh fünf Zauberbohnen anbietet. Hans nimmt das Angebot an. Seine Mutter ist von den magischen Bohnen allerdings nicht begeistert und wirft diese aus dem Fenster. Am nächsten Tag steht eine gewaltige Bohnenranke vor dem Haus, die bis in den Himmel reicht. Hans klettert die Bohnenranke hinauf und gelangt an ein Haus – das Haus eines Riesen, den er in mehreren Besuchen bestiehlt und um Gold, eine Gold-legende Henne und eine singende Harfe erleichtert. Zunächst wird er dabei von der Frau des Riesens versteckt, um nicht von ihm entdeckt zu werden. Dieser mag – wie sollte es anders sein – sehr gerne Menschenfleisch zum Frühstück. Der Riese stirbt schließlich beim Versuch, Hans die goldene Harfe abzujagen. Hans ist schneller und fällt die Bohnenranke, bevor der Riese ihn erreicht. Erstmals wurde das Märchen Hans und die Bohnenranke, oder im englischen Original Jack and the Beanstalk, 1807 von Benjamin Tabart verschriftlicht. Bekannt wurde auch dieses Märchen aber erst in einer Sammlung, als Joseph Jacobs 1890 die „Englischen Märchen“ veröffentlichte.

„Kleinkriminelle, Schurken und sogar Mafiabosse können hervorragende Helden in Geschichten abgeben – es ist nur die Frage, ob es gelingt, sie in einer Weise darzustellen, die mehr als Abneigung in uns auslöst“, sagt Beyer. Die Kritik am Märchen: Hans ist nur ein Dieb und Mörder – dieser Vorwurf hält sich hartnäckig. Oft wird daher in neueren Versionen der Riese als Grund für Hans Armut angeführt und als böser Tyrann vorgestellt, der gestürzt werden muss. So wird Hans zum moralisch verträglicheren Helden. Für Dr. Martin Beyer ist Hans und die Bohnenranke ein besonderes Märchen: „Es ist durchaus märchenuntypisch, dass Diebstähle nicht sanktioniert werden.“

Zur Person

Dr. Martin Beyer wurde 1976 in Frankfurt am Main geboren und studierte Germanistik, Psychologie und Philosophie. Für seine schriftstellerischen Leistungen wurde Beyer mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Walter-Kempowski-Literaturpreis und dem Kunstförderpreis des Landes Bayern. Als Kinderbuchautor und leidenschaftlicher Märchenerzähler hat Martin Beyer eine Märchenakademie gegründet. Hier bildet er Kinder, Lehrer und Eltern zu Märchenexperten aus und gibt Workshops in Schulen, Stiftungen und Firmen. Außerdem berät Beyer auch Unternehmen, die eine gute Geschichte erzählen wollen.

Headerbild: © st-fotograf - Fotolia.com

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