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Food Angels
Ein Interview mit Prof. Wolf Michael Nietzer, Food Angels

Investitionen in Lebensmittelunternehmen

Innovationen in der Lebensmittelbranche ließen in den vergangenen Jahren einen Trend heranwachsen: Investitionen in Lebensmittelunternehmen. Eine Gruppe von Investoren schloss sich zu den Food Angels zusammen und investiert in innovative Start-ups.

Die Food Angels investieren in Startups. Warum setzen Sie ausgerechnet auf die Lebensmittelbranche?

Vor etwa dreieinhalb Jahren trafen sich die Food Angels das erste Mal in Heilbronn. Wir sind fünf Experten aus der Investmentbranche, auf Grundlage der Professionen von zwei Food Angels war der direkte Bezug zur Lebensmittelbranche hergestellt. Eine Investition in die Food-Branche ist aber auch immer mit Verköstigungen verbunden, das macht viel Freude. Lebensmittel sind etwas Haptisches, etwas zum Mitfühlen, das sind wahre Emotionen. Grundsätzlich investieren wir aber auch in ganz klassische Firmen.

„Aber das Geschäft mit Start-ups bietet dann ja gewiss auch Risiken.“

Natürlich, sowohl das Geschäft mit den großen als auch mit den kleinen Unternehmen birgt Risiken. Bei den großen Playern ist das Risiko natürlich kleiner, weil sie bereits am Markt etabliert sind, aber dort existieren natürlich auch ganz andere Kaufpreisdimensionen. Bei einem Start-up liegen Chancen und Risiken extrem nah beieinander – vor allem in der Anfangsphase. Ganz grob kann man in drei Investitionsphasen unterteilen: die Pre-Seed, Early Stage und die Serie A. Von Phase zu Phase wird mehr Kapital benötigt. In der letzten Phase, der Serie A, werden dann meistens schon ein, zwei oder drei Millionen Euro gesucht. Je später man als Investor einsteigt, desto niedriger ist natürlich das Risiko, weil die Firma dann schon ein Stückchen weiterentwickelt ist. Allerdings sinkt zwar von Phase zu Phase das Risiko, gleichzeitig steigt aber auch die Bewertung. Steigt man also im risikoreicheren Segment ein, das heißt früher, bekommt man also mehr Anteile für sein Geld. Bei niedrigerem Risiko und höherer Bewertung ist es logischerweise genau umgekehrt. Das ist aber eine individuelle Frage, die sich jeder Investor vorher stellen muss.

Wieso wählen Sie bevorzugt kleine Food-Unternehmen und nicht die Big Player?

Das lässt sich eigentlich recht einfach beantworten: Um in die Big Player zu investieren, benötigt man auch Big Money. Das übersteigt unsere Ressourcen. Unsere Investitionsgelder entstammen komplett unserem Privatvermögen. Wir hätten sicherlich einige Male mit einer entsprechenden Finanzierung in große Unternehmen einsteigen können, doch dann hätten wir das Projekt zeitintensiv betreuen müssen und auch hier fehlen uns die Ressourcen. Grundsätzlich ist es aber, wie bereits gesagt, überhaupt nicht unser Ansatz. Entscheidet man sich für den Einstieg in einen Big Player, muss man sich gezielt professionalisieren. Das bedeutet zugleich Zeit- und Budgetplanung und in manchen Fällen sogar einen Portfolio-Manager einzustellen.

„Ich bin der Meinung, dass bald etwas radikal Neues her muss.“

Gibt es ein Erfolgsrezept für Startups?

Ja, meistens wurde ein richtiges Produkt zum richtigen Zeitpunkt mit dem richtigen Team herausgebracht. Das Ganze mit der passenden Finanzierung kombiniert. Marketing ist natürlich auch äußerst wichtig. Ganz besondere Verpackungen machen zum Beispiel viel her. Eine zweite Möglichkeit ist, radikal neue Produkte zu erfinden und Dinge neu zu interpretieren. Viel hängt aber auch vom Team ab. Wenn das Produkt schwächelt, das Team aber top ist, kann das einiges ausgleichen. Ich bin der Meinung, dass bald etwas radikal Neues her muss. Sogenannte FoodTec hat da großen Einfluss, so zum Beispiel Vertical Farming. Wir müssen wichtige Fragen beantworten. Wie werden Lebensmittel zukünftig produziert? Sind riesige Rinderfarmen überhaupt noch zeitgemäß? Allein der CO2-Ausstoß bereitet Kopfzerbrechen. Auch im Hinblick auf die steigende Weltbevölkerung und den Wasserverbrauch wird es spannend. Dort wird und muss es zukünftig viele Innovationen geben. Darüber hinaus wird es viel darum gehen, den Weg zum Kunden neu zu interpretieren.

Gibt es denn eine Food-Sparte, die sich aufgrund dessen gerade zu einem Trend entwickelt?

Nein, das lässt sich nicht so einfach definieren. Eine Firma aus den USA hat sich zum Beispiel darauf spezialisiert, der Astronautennahrung ähnliche Speisen auf den Markt zu bringen. Hier ging man ins Chemielabor und baute etwas Neues zusammen. Das Geschäftskonzept besteht darin, Lebensmittel zu entwickeln, die alle wichtigen Bausteine enthalten, die der Körper braucht. Fleischersatz ist aber auch ein spannendes Thema. Es gibt amerikanische Firmen, die das Fleisch ganz einfach durch neue Bausteine ersetzen. Zurzeit ist das jedoch noch etwas unrealistisch, da das Ganze unsagbar teuer ist. Aber auch die Ernährung der Zukunft ist ein Thema. Werden wir uns zukünftig von Insekten ernähren, um die Nahrung proteinhaltiger zu gestalten? Functional Food wird sehr wichtig werden.

Die Investition in die Lebensmittelbranche ist ja grundsätzlich eher eine Nische. Glauben Sie, dass das Interesse seitens der Investoren da zukünftig noch steigen wird?

Definitiv, ich sehe da zwei verschiedene Arten von potentiellen Investoren. Zum einen die ganz großen Unternehmen, denn die bauen sich da gerade eigene Fonds auf. Diese Unternehmen sehen das jedoch weniger als langfristige Anlage, sondern eher als kurzfristiges Abschöpfen von Ideen und Innovationen. Bisher tun sich ausgerechnet diese Firmen wahnsinnig schwer damit, innovativ zu sein. Sie investieren also in kleine Start-ups, um nah am Markt zu sein. Die zweite Gruppe sind Investoren, die sich zusammenschließen und einen Fond gründen. Da gibt es ein paar, die sagen: „Ich sammele 100 Millionen Dollar ein, um im Agrartec- Bereich oder im FoodTec-Bereich zu investieren.“ Wir als Food Angels gehören zwar zur zweiten Gruppe, sind aber ganz klein, was das angeht. Vor ein paar Jahren sagte ich: „Food is the next big thing!“ Auch die neuen Vertriebswege, offline und online, haben in den vergangenen Jahren rasant an Fahrt aufgenommen und sind noch wichtiger geworden. Genauso wurden die Lieferdienste dadurch kräftig durcheinandergewirbelt.

Es gibt große Chancen, aber auch entsprechend hohe Risiken.

Kann man denn davon sprechen, dass sich der Aufschwung der Lebensmittelindustrie zu einem globalen Thema entwickelt hat?

Das würde ich noch nicht sagen, jedenfalls nicht als ein Anlagetrend. Den haben Sie dann, wenn sich Banken dazu entscheiden, große Fonds aufzulegen und professionell zu verkaufen. Bei Anlagen muss man immer darüber nachdenken, wer der potentielle Anleger ist. Für einen Rentner ist das Risiko immer noch viel zu hoch. Der Normalverdiener wird ebenso zurückschrecken. Es gibt, wie gesagt, große Chancen, aber auch entsprechend hohe Risiken.

Wie sehen Sie denn die Chancen, dass sich das vielleicht in den kommenden Jahren zu einem Trend entwickeln könnte?

Food und die Chance, am Markt Geld dafür zu bekommen, wird sich als Anlagetrend nach oben entwickeln, allein durch die steigende Weltbevölkerung. Doch genau das bedarf derzeit so vieler finanzieller Mittel. Und ich bin mir auch sicher, dass da große Fonds aufgesetzt werden, die für den Otto-Normalverbraucher interessant werden. Zurzeit halte ich das jedoch noch für zu früh.

Hat diese ganze Entwicklung denn auch einen Einfluss auf die Logistikbranche?

Ich glaube, dass Unternehmen wie die Nagel-Group davon profitieren werden.

Warum?

Weil entsprechend benötigte Kühlketten bereitgestellt werden können und entsprechende Logistikzentren existieren. Natürlich muss man aber auch das Umfeld im Auge behalten. Mir fällt hier ein großer Online-Händler ein, der die Logistik zukünftig selbst stemmen will. Die Big Player müssen aufpassen, dass sie nicht überholt werden.

Food Angels

Die Food Angels sind ein professionelles Netzwerk aus erfahrenen Experten der Lebensmittelbranche. Das Team der Food Angels setzt sich aus Prof. Wolf M. Nietzer, Dr. Günther Rodemeyer, Horst Schlegel, Alexander von Wedel und Daniel von Wedel zusammen – Profis aus Forschung und Entwicklung, Vertrieb, Unternehmertum und Wirtschafts- und Transaktionsrecht, Finanzierungen. Gemeinsames Ziel ist es, als langfristiger Partner und verlässlicher Berater innovativen Unternehmen der Lebensmittelbranche zur Seite zu stehen. Vor allem junge, innovative Start-ups wecken das Interesse der Food Angels. Bei jeder Investition liegt der Schwerpunkt stets darauf, in eine nachhaltige Entwicklung zu investieren und entweder die Produktentwicklung voranzutreiben oder mit bereits marktreifen Produkten in den Markt zu starten. Investiert wird dabei sowohl in der Phase Pre-Seed als auch Early Stage und Serie A.

Weitere Infos: food-angels.org

Profile

Prof. Wolf Michael Nietzer, Mitbegründer der Food Angels, ist Angel Investor und Transaktionsanwalt. Der deutsche Wirtschaftsanwalt entschied sich vor fünf Jahren für die Investition in ein Lebensmittelunternehmen. Zuvor lag sein Schwerpunkt in erster Linie auf Non-Food-Unternehmen. Nietzer hat eine US-amerikanische Zulassung als Attorney at Law. 1992 erlangte er seine Zulassung zur deutschen Anwaltschaft und machte 1993 seinen Master of International Law in den USA und 1999 seinen WHU/ Kellogg Executive MBA.

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