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Zwischen Regenbogen-Toast und lila Blumenkohl

Food Trends 2017

Es zischt auf dem Grill, die Flammen lodern durch den Rost und verleihen dem eben noch rohen Steak intensive Röstaromen. Das Stück Fleisch ist fertig gegart, medium, rosa in der Mitte. Es liegt auf dem Teller, dann wird es garniert – mit Schokoladensoße! Außerdem ist der vermeintlich süße Nachtisch ein Joghurt mit Karotten, Granatapfelkernen und Petersilie. Klingt seltsam? Ist aber Trend!

Hanni Rützler. Foto: © Nicole Heiling

Jedes Jahr ermitteln Ernährungswissenschaftler, Lebensmittelforscher und die Foodies der sozialen Netzwerke, welche Food-Trends unsere Gesellschaft erwarten. Während in Australien der Trend Ice’n’Fries, also Softeis mit Pommes, groß im Kommen ist, haben Experten hierzulande für 2017 unter anderem die Geschmacksrichtung Swavory angepriesen – eine Mischung aus süß (sweet) und pikant (savory). Auch Rainbow-Produkte, lilafarbenes Gemüse oder Schokopizza aus dem Tiefkühl-Regal sind in diesem Jahr besonders angesagt.

Für die Ernährungswissenschaftlerin und Food Trend-Forscherin Hanni Rützler sind das jedoch noch keine Trends, sondern Trendphänomene. „Trends sind für mich Antworten auf aktuelle Herausforderungen und Wünsche der Verbraucher. Sie sind lösungsorientiert und umfassen größere Themen“, sagt die Österreicherin. Ein verändertes Produkt erfülle das nicht. Voraussetzung dafür, dass ein Trend auch dauerhaft vom Konsumenten akzeptiert wird, sei eine Innovation. Die Adaption eines vorhandenen Produkts reicht laut Hanni Rützler nicht aus. Momentan seien vor allem Nachhaltigkeit, Natürlichkeit, Regionalität und alltagserleichternde Produkte angesagt.

Es müssen aber auch Budget, Netzwerk, Lage und Marketing stimmen, damit eine gute Idee zu einem Trend wird. Laut Christoph Minhoff, Hauptgeschäftsführer der Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie, entstehen Food-Trends zunächst einmal aus Wertehaltungen und vor allem aus bestimmten Lebensumständen heraus: „Ernährung ist heute oft Ausdruck individueller Lebensweisen und Meinungen, so kann Ernährung beispielsweise auch der sozialen Abgrenzung dienen. Ein Trend wird dann wahrnehmbar, wenn er Teil der öffentlichen Meinung geworden ist und das Ladenregal erobert hat.“

Rainbow

Zu einer langfristigen Erscheinung werden die derzeit beliebten Rainbow-Produkte damit wohl eher nicht. Allerdings bringen sie etwas mehr Farbe auf unsere Teller. Rainbow-Bagels kennen wir bereits aus dem vergangenen Jahr. Auch die eine oder andere Torte im Regenbogen-Design haben wir schon bei Instagram entdeckt. Doch mit dem bunten Unicorn-Frappuccino von Starbucks oder dem Rainbow-Käsetoast aus Hong Kong hat der farbenfrohe Trend eine neue Stufe erreicht. Mit natürlichen Lebensmitteln wie Basilikum, Lavendel oder Tomate wird der Käse für den Toast gefärbt. Der Einhorn-Frappuccino wird mit Vanille- und Mango-Sirup hergestellt, hinzu kommen Weiße-Schokoladen-Sauce und Feenstaub, ein Mix aus Zucker und Lebensmittelfarbe, die aus Obst und Gemüse gewonnen wird. Weniger süß und weniger natürlich ist dagegen die rosafarbene Einhorn-Bratwurst des mecklenburgischen Herstellers Puttkammer.

Nach Meinung von Hanni Rützler bleibt dieser Trend jedoch nur ein kurzer Hype: „Rainbow ist in den USA ein Kulturphänomen. Es kommt auch langsam zu uns, aber es gehört eher in die Kategorie ,Geburtstagsparty‘ und wird kein Mainstream-Produkt. Ich sage diesem Trend keine lange Zukunft voraus.“ Denn in unserem Kulturraum legt man zunehmend Wert auf natürliche, qualitativ hochwertige Produkte. Daher haben es Lebensmittel mit künstlichen Zusatzstoffen schwer. Und auch der Rainbow-Toast, der mit natürlichen Lebensmitteln gefärbt wurde, wird sich in Deutschland wohl nicht durchsetzen. „Obwohl die Konsumenten stetig auf der Suche nach etwas Neuem sind, wird blauer, roter oder grüner Käse nicht bevorzugt gegessen, solange er nicht besonders gut oder sogar besser schmeckt als normaler Käse“, sagt Rützler. Auch laut Christoph Minhoff beeinflusst der Geschmack die Kaufentscheidung des Konsumenten am meisten: „Erst danach folgen die Produktsicherheit und das Aussehen. Und Schönheit liegt bekanntermaßen ja auch immer im Auge des Betrachters.“

Christoph Minhoff. Foto: © BVE

Lila Gemüse

Farbenfroh sind derzeit auch die fleischlosen Trend-Menüs. In einer Zeit, in der laut Hanni Rützler „das Fleisch die Pole-Position auf dem Teller verloren hat“, rückt gleichzeitig das Gemüse in den Vordergrund – und das soll schließlich vielfältig und farblich abwechslungsreich sein. Ein Phänomen ist dabei das violette Gemüse, das die weltweit größte Biosupermarktkette Whole Foods als neuen Trend prognostiziert hat. So sollen zukünftig Spargel, Blumenkohl, Mais oder Kartoffeln in farbenfrohen Lilatönen auf dem Tisch landen – und damit auch immer häufiger Tofu- und Sojaschnitzel ablösen. Auch die Verwendung von Gemüse wird immer vielfältiger: Zoodles, Spaghetti aus Zucchini oder auch Karotten werden beispielsweise vermehrt gegessen. Noch fehlt uns laut Rützler ein wenig Fantasie, um das Gemüse noch besser und häufiger in unsere Gerichte zu integrieren. Schließlich sind wir den Umgang mit Fleisch gewohnt. Doch schönes, also auch lilafarbenes Gemüse hat die besten Chancen, sich langfristig in unserer Küche zu etablieren.

Swavory

Joghurt, Süßkartoffeln, eingelegte Zwiebeln, Walnüsse, Koriander, Limone, Chili-Öl und Kumin – klingt wie eine Einkaufsliste, sind aber die Zutaten für ein Gericht. Statt der sonst süßen und meist fruchtigen Toppings wird Joghurt hierbei mit herzhaften Lebensmitteln garniert. Der Trend kombiniert die süßen und herzhaften Lebensmittel zur neuen Geschmacksrichtung Swavory. Diese Kombination gibt es schon länger. Süße Pfannkuchen mit salzigem Speck, schokoladenüberzogene Brezeln oder salziges Karamell sind uns längst bekannt. Spinat, Avocado oder Grünkohl sind zu etablierten Zutaten eines Green Smoothies geworden. Der pikante Joghurt mit Kürbis oder Karotte kommt jedoch erst so langsam nach Deutschland. In anderen europäischen Ländern hat sich dieser Trend bereits durchgesetzt. „In der Türkei sind beispielsweise schon seit Jahren herzhafte Joghurt-Drinks im Sommer ein absolutes Trend-Getränk“, weiß Hanni Rützler.

Doch hat der Swavory-Trend eine Zukunft? „Gerade, weil der Geschmack für den Konsumenten das wichtigste und zugleich subjektivste Kaufkriterium ist, sind Prognosen zum Produkterfolg schwierig. Es bleibt spannend, ob sich die Kombination aus süß und pikant bei der Mehrheit der deutschen Bevölkerung durchsetzen wird“, sagt Christoph Minhoff über die neue Geschmackskomposition. Ein Grund, weshalb es allerdings noch eine Weile dauern könnte, bis der Trend auch Deutschland erobert, sind laut Hanni Rützler die noch eher verhalten agierenden Molkereien. Pikante Joghurt-Produkte könnten zudem an Bekanntheit zulegen, wenn sie in die Gastronomie und in verschiedene Gerichte integriert würden. Potenzial, sich langfristig zu etablieren, hat der Swavory-Trend allemal. Eine neue Geschmacksrichtung ist schließlich immer ein neuer Trend.

Trend-Mix

Und auch, wenn sich Rainbow-Produkte, lilafarbenes Gemüse oder Swavory alleine nicht zum wirklichen Trend entwickeln können, besteht noch immer die Chance, dass sie sich gegenseitig ergänzen und vermischen. Christoph Minhoff sieht einen solchen Trend-Mix beispielsweise in veganen oder vegetarischen Fertiggerichten: „Auf der einen Seite muss das Essen für die deutsche Bevölkerung immer schneller gehen. Auf der anderen Seite gibt es immer mehr Menschen, die sich bewusst ernähren wollen. Für diese muss das Essen immer besser werden.“ Damit sich ein Trend langfristig durchsetzen kann, muss dieser laut Minhoff den übergeordneten Gesellschaftstrends der Konsumenten entsprechen. Und diese können sich selbstverständlich auch vermischen. Denn nur so können wir unser Verlangen nach stetiger Veränderung und neuen Geschmackserlebnissen stillen.

Headerbild: © gitusik - stock.adobe.com

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