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European Food Trends Report 2017

„Essen wird zum neuen Pop“

Ernährungstrends beeinflussen den ständigen Wandel der Lebensmittelindustrie. Die neuesten und einflussreichsten Veränderungen hat Christine Schäfer, Researcher am Gottlieb Duttweiler Institut (GDI), in Zusammenarbeit mit GDI-CEO Dr. David Bosshart und dem amerikanischen Foodservice-Wissenschaftler Prof. Dr. Christopher C. Muller im European Food Trends Report 2017 zusammengefasst. Ein Interview.

Was ist die Kernaussage des European Food Trends Reports 2017?

Essen durchdringt heute alle Bereiche unseres Lebens und ist viel mehr als nur Nahrungsaufnahme und Befriedigung eines Grundbedürfnisses. Wir ordnen dem Essen immer neue Funktionen zu – von Gesundheit, Wellness, Lifestyle und Erlebnis über Sustainability, Moral, Religion und Identität bis hin zu Convenience, High-Tech und Investment. Essen ist alles und überall. Essen wird zum neuen Pop.

Welche Entwicklungen des Essverhaltens sind im Jahr 2017 die wichtigsten?

Für das Jahr 2017 lassen sich drei Hauptentwicklungen nennen: Zum einen wächst die Bedeutung der Gesundheit und deren enge Verknüpfung mit dem Essen. Immer mehr Konsumenten erkennen, dass auch beim Essen gilt: Input beeinflusst Output. Was ich esse, beeinflusst ziemlich direkt meine Gesundheit, mein Wohlbefinden und meine Leistungsfähigkeit. Weiterhin steigt auch der Einfluss von Social Media auf unser Essverhalten. Wir essen heute zuerst mit unseren Smartphones. Bildsprache und ästhetisches Essen sind sehr wichtig. Außerdem wächst in der Bevölkerung das Bedürfnis nach Transparenz. Aus diesem Verlangen entstehen dann verschiedene weitere Trends und Innovationen wie zum Beispiel alternative Proteinquellen, regionale Produkte oder vegane Ernährung.

Christine Schäfer

Wie hat sich die Ernährung im Hinblick auf das Thema Gesundheit verändert?

Das Bewusstsein für den Einfluss der Ernährung auf die Gesundheit wächst. Auch der Fitness-Trend trägt sicher einen großen Teil zu dieser Entwicklung bei. Zudem beachten immer mehr Personen die Auswirkungen ihrer Ernährung auf das körperliche Wohlbefinden – Digestive Wellness heißt hier das Zauberwort. Konsumenten fangen an zu experimentieren. Wie fühle ich mich, wenn ich auf Milchprodukte verzichte? Was passiert, wenn ich weniger oder kein Gluten esse? Wie reagiert mein Körper auf eine rein pflanzliche Ernährung?

„High-Tech erobert die Food-Welt“ – ein Zitat aus dem European Food Trends Report 2017. Können Sie kurz erklären, was Sie damit meinen?

In einer Gesellschaft, in der alles immer besser miteinander vernetzt ist, macht die Digitalisierung auch vor der Food-Welt nicht halt. High-Tech beeinflusst die Art und Weise, wie Essen heute produziert wird – von Precision Farming, über Laborfleisch bis hin zu 3D-Druckern – aber auch die Möglichkeiten, wie Essen zum Konsumenten gelangt: Über digitale Plattformen finden Kunden eine gigantische Auswahl an Menüs, welche sie sich mit nur wenigen Klicks bis an die Haustüre liefern lassen können – bestenfalls kommt das Essen sogar per Drohne oder Lieferroboter.

Wie genau gestaltet der Kunde im Jahr 2017 und auch zukünftig die Entwicklung seines Essens mit?

Konsumenten sind dank digitaler Kommunikationstechnologien und Social Media hervorragend untereinander vernetzt. Das führt zu einer Verschiebung der Machtverhältnisse. Kunden können immer einfacher mitbestimmen, wie das Angebot aussieht. Über Social Media verbreiten sich Trends mit rasender Geschwindigkeit – und dies mehr oder weniger global. Influencer spielen zudem eine wichtige Rolle in der Entwicklung von Trends.

Bio-Hacking, Smart Packaging und Food Disruption Map sind weitere wichtige Aspekte des Reports. Was hat es mit diesen Neuheiten auf sich?

Beim Bio-Hacking geht es Konsumenten grundsätzlich darum, den eigenen Körper so gut zu verstehen, sodass sie diesen optimieren und „hacken“ können. Dies kann einerseits über rein natürliche Produkte geschehen, andererseits aber auch über rezeptpflichtige Medikamente.

Smart Packaging meint, dass die Verpackung eines Produkts inzwischen immer größeren Nutzen stiftet. Oft erfüllt sie weit mehr als ihre Grundfunktion, den Schutz des Inhaltes. Smart Tags werden beispielsweise das bisherige Haltbarkeitsdatum ablösen, da diese ganz genau angeben können, wie frisch und wie lange haltbar der Inhalt eines Produktes noch ist.

Die Food Disruption Map ist ein Tool, auf dem sich verschiedene Innovationen und Konzepte gemäß ihrer Entwicklungsstufe einordnen lassen – wie weit ist der technologische Wandel fortgeschritten und wie weit ist das Konzept in der Gesellschaft akzeptiert?

Im Report 2017 sprechen Sie vom Essen als Moralkompass und Ersatzreligion. Inwiefern tragen neue Essens-Rituale Ihrer Meinung nach zur Identitätsfindung von Menschen bei?

Die Verknüpfung von Essen und Identität ist an sich nichts Neues. Sie entwickelt sich heute jedoch tendenziell noch stärker. Gerade in Westeuropa, wo die Bedeutung der christlichen Religion immer weiter abnimmt – die Menschen aber weiterhin ein Bedürfnis nach Halt und Sinn haben – kann das Essen als Ersatz dienen. Es kann innerhalb sozialer Gruppen als gemeinsamer Nenner oder auch als Abgrenzung gegenüber anderen Gruppen fungieren. Veganer und Fleischesser sind für diese Entwicklung ein gutes Beispiel.

Welche weiteren Entwicklungen der Ernährung können Sie für die Zukunft voraussagen?

Die industrielle Produktion von Lebensmitteln stößt früher oder später an ihre Grenzen. Die Konsumenten legen wieder mehr Wert auf Natürlichkeit, Frische, Regionalität und Herkunft. Transparenz im Wertschöpfungsnetzwerk gewinnt dabei immer stärker an Bedeutung und ist dank neuer Technologien auch endlich realisierbar.

Headerbild: © Pixelbliss | Adobe Stock

Der European Food Trends Report 2017 ist eine Publikation des schweizerischen Gottlieb Duttweiler Instituts (GDI). Diese Non-Profit-Organisation konzentriert sich auf die wissenschaftliche Forschung in den Themenfeldern Wirtschaft, Gesellschaft und Konsum. Der European Food Trends Report erscheint alle zwei Jahre und diskutiert verschiedenste aktuelle Trends im Hinblick auf das Thema Ernährung. Weiterhin untersucht er auch längerfristige Entwicklungen, die die Produktion und den Konsum von Lebensmitteln beeinflussen. Der aktuelle European Food Trends Report ist die 44. veröffentlichte Studie des Gottlieb Duttweiler Instituts und stammt aus der Feder von GDI-Researcher Christine Schäfer, GDI-CEO Dr. David Bosshart und dem amerikanischen Foodservice-Wissenschaftler Prof. Dr. Christopher C. Muller. Er ist in den Sprachen Deutsch und Englisch unter folgendem Link erhältlich: www.gdi.ch/eftr2017

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