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Porträt

Clarence Birdseye: Der Erfinder der Tiefkühlkost

Der US-amerikanische Biologe Clarence Birdseye erfand in den 1920er Jahren die erste Schockgefrieranlage – ein Meilenstein in der Geschichte der Tiefkühlkost. Seine Leistung revolutionierte erst den amerikanischen, dann den globalen Lebensmittelmarkt. Vor 130 Jahren, am 9. Dezember 1886, wurde Clarence Birdseye in New York geboren. Ein Porträt über den großen Erfinder.

Clarence Birdseye frozen food
Hätten Sie bei diesem Anblick auch die Tiefkühlkost erfunden? Foto: © trofimov_pavel - Fotolia.com

1912 – die eisige Kälte auf der kanadischen Halbinsel Labrador gehört zum Alltag. Der Wind peitscht in die Gesichter, der kleinste Tropfen Wasser gefriert innerhalb von Sekunden. Was für viele Menschen unangenehm wäre, könnte Clarence Birdseye stundenlang auf einem Hundeschlitten genießen. Die Kälte macht dem Abenteurer zwar nicht viel aus, dennoch erschwert sie die Nahrungsbeschaffung.

An einigen Tagen ist es einfacher, frischen Fisch zu fangen, an einigen nahezu unmöglich. Eine Gruppe von Inuit ist nur wenige Meter entfernt. Sie hatten mehr Glück beim Fischfang. Männer tragen mehrere Fische zu den Iglus. Doch anstatt die Beute zu verzehren, lassen die Inuit sie sofort gefrieren. Wird der Fisch nicht ungenießbar? Anscheinend erhalten die kleinen Eiskristalle die Zellwände der Tiere, den Geschmack, die Konsistenz und die Farbe – bis zum Auftauen. Eine Erkenntnis, die Birdseyes Leben für immer prägt.

Clarence Birdseye hinterließ nicht allzu viele Informationen über sich selbst. Mark Kurlansky beginnt seine Biographie „Birdseye: The Adventures of a Curious Man“ mit dem Satz: „Das einzige Buch, das er hinterlassen hat, war ein kleines Band über die Gartenarbeit, was zum Großteil seine Frau geschrieben hatte.“ Artikel, die Journalisten über ihn schrieben, seien ungenau und unspezifisch.

Angeborene Intelligenz und unbezähmbarer Pioniergeist

Fest steht, dass der Amerikaner am 9. Dezember 1886 in Brooklyn geboren wurde. Die Botanik und Zoologie begeisterten ihn schon als Kind. Bereits mit zehn Jahren jagte Birdseye Bisamratten und brachte sich selbst die Präparation von Tieren bei. Seine Leidenschaft begleitete ihn bis zum College. Er schrieb sich am Amherst College ein. Sein Wunsch: Biologe werden. Doch das Studium war zu teuer. Birdseye war gezwungen, es abzubrechen. Die Washington Post verglich Birdseye mit Innovatoren wie Henry Ford, Thomas Edison oder Steve Jobs, die wie er keinen Abschluss besaßen. Er sei auf seine angeborene Intelligenz und seinen unbezähmbaren Pioniergeist angewiesen, als er seine Arbeit für das US-amerikanische Amt für biologische Untersuchungen begann.

Biograph Mark Kurlansky stellte fest: „Birdseye liebte Essen, er liebte es zu kochen, schrieb, dachte und sprach über Essen mehr als andere Menschen. Er war, was wir heute einen Foodie nennen würden.“ Bei der Auswahl der Lebensmittel zog er die globale Agrarindustrie der regionalen Landwirtschaft vor. Sein Essensgeschmack war ungewöhnlich exotisch – nicht nur in einer Zeit, in der Konserven besonders beliebt waren. Bei jedem Tier habe er sich gefragt, wie es schmecken würde und wie man es am besten kochen müsste.

Inspiriert von Inuit: die erste Schockgefrieranlage

Laut der New York Times lebte der Abenteurer auch eine Zeit lang in Montana. Dort untersuchte er Zecken, um das Rocky-Mountain-Fleckfieber besser zu verstehen. Er fotografierte Tiere, sammelte etwa 4.500 Zecken und kam zu einer medizinisch wichtigen Erkenntnis: Sowohl kleine als auch große Tiere konnten Zeckenüberbringer sein. Wäre sein Leben anders verlaufen, wäre Birdseye wahrscheinlich eher für dieses Forschungsergebnis berühmt. Doch dann begann seine Reise nach Labrador.

Birdseyes Erfahrungen auf der kanadischen Halbinsel veränderten laut Kurlansky sein Leben. Auf seiner fünfjährigen Forschungsreise in der Arktis ließ er sich von den Inuit inspirieren und entwickelte die erste Schockgefrieranlage für Fisch, Obst und Gemüse. Mit der Unterstützung von Investoren gründete er das Unternehmen General Seafood Corporation. Fünf Jahre später, 1929, kaufte die Postum Corporation das Unternehmen auf. Es entstand die General Foods Corporation. Birdseye war bei General Foods zunächst als Berater angestellt, dann als Präsident der Birds Eye Frosted Foods von 1930 bis 1934, von 1935 bis 1938 Birdseye Electric Company.

Durch die Tiefkühlkost gibt es jederzeit auch nicht-saisonales Obst. Foto: © Thomas Teufel - Fotolia.com

Revolutionierung des globalen Lebensmittelmarktes

Der Unternehmer habe schon früh global gedacht: Wie muss die Tiefkühlkost verpackt sein, um möglichst lange haltbar zu sein? Und in welcher Menge? Kunststoffe gehörten damals noch nicht zum Standard. Sein Unternehmen vermietete in den 1940er Jahren gekühlte Güterwagen für den Transport von Tiefkühlkost und ermöglichte die landesweite Distribution – ein entscheidender Schritt bei der Veränderung der gesamten Ernährungsweise der Amerikaner. Die Tiefkühlkost ermöglicht es, jederzeit auch nicht-saisonales Obst und Gemüse zu verzehren – oder auch Fisch, ohne direkt am Meer wohnen zu müssen.

Für die Washington Post war Birdseye ein Mann voller Visionen, Neugier und Hartnäckigkeit. Er war klein, kahlköpfig und voller Energie. Sein Enthusiasmus sei so ansteckend gewesen, dass in jeder Nachbarschaft, in der er wohnte, alle Kinder mit Nagetieren, Fröschen und Insekten zu ihm kamen. Mit ihnen teilte er gerne sein Interesse an der Biologie. Seine Begeisterung für die Natur war so groß, dass Birdseye in seinem Tagebuch sogar mehr über einen Fuchswelpen schrieb als über seinen ersten Sohn Kellogg, der 1916 geboren wurde, wie die New York Times notierte.

„Er war damals ein Wunder, und wäre heute ein Wunder“

Kurlansky stellt fest, dass Birdseye zwar ein Naturalist, aber kein Umweltschützer sei. Er mache sich keine Gedanken über die Folgen der Urbanisierung, Industrialisierung und der Agrarindustrie. Sein primäres Interesse galt der Problemlösung. Kurlansky schrieb: „Es scheint gewiss, dass, wenn er heute leben würde, er viele Dinge anders sehen würde – und er seinen erfinderischen Verstand dazu nutzen würde, heutige Probleme zu lösen. […] Er war damals ein Wunder, und wäre heute ein Wunder.“

Im Februar 1951 sagte Birdseye selbst dem American Magazine: „Ehrlich gesagt, kann man mich beschreiben als ein Kerl mit einer großen Portion Neugier und einem wagemutigen Instinkt.“ In seinem Buch deutet Kurlansky auf die Diskrepanz zwischen Birdseyes Selbst- und Fremdbild hin: Der Erfinder sähe sich selbst als ein Amerikaner voller Mut, wenig Intellekt und Pioniergeist – die erste und letzte dieser Eigenschaften seien nach dem Autor im hohen Maße wahr, die zweite falsch. Dies belegen auch seine schätzungsweise 300 Patentrechte – nicht nur im Bereich der Tiefkühlkost, sondern auch für seine Experimente mit Glühlampen, Harpunen und der Papierherstellung.

Am 7. Oktober 1956 verstarb Clarence Birdseye in New York City. Über die Todesursache gibt es verschiedene Spekulationen. Eins ist hingegen sicher: Mit seinem Erfindergeist und Intellekt revolutionierte Birdseye den globalen Lebensmittelmarkt – bis heute.

Headerbild: © trofimov_pavel - Fotolia.com

Das Deutsche Tiefkühlinstitut feiert in diesem Jahr seinen 60. Geburtstag. Zu diesem Anlass hat das Institut 60 Fakten rund um die Erfolge des Verbandes und die Entwicklung der Branche auf ihrer Internetseite veröffentlicht.

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